Man­dan­ten­zeit­schrift 2/2015

Wir leben in einer Zeit, in der alles ein bisschen lockerer geworden ist. Ich erinnere mich noch an die 50igerund 60iger Jahre, in der das Verhalten und die Kleidung so sein mussten, wie man sich verhielt, wie man sich anzog. Ab­wei­chun­gen undenkbar. Der Lehrer kam im Anzug, al­len­falls in der Kom­bi­na­ti­on mit weißem Hemd und Schlips in die Schule, Anwälte trugen dunkle Anzüge, ebenso wie Banker, Manager und Politiker. Der Arbeiter kam mit offenem Kragen. Als Junge musste man bei der Begrüßung einen „Diener“ machen, das heißt, sich verbeugen, als Mädchen musste man „knicksen“, was beides als Zeichen der Hoch­ach­tung und Wert­schät­zung des Begrüßten galt.
Äußere Formen waren viel beachtet. Im Verlaufe der Zeit änderte sich das. Formen wurden ab­ge­schafft. Als der Kom­mu­nar­de bei Gericht sitzen blieb, als das Gericht den Saal betrat, und der Richter den Kom­mu­nar­den­Teu­fel auf­for­der­te auf­zu­ste­hen, so lange bis das Gericht selbst Platz nahm, erwiderte dieser, „wenn´s der Wahr­heits­fin­dung dient“, was seitdem zum ge­flü­gel­ten Wort wurde und häufig verwendet wird. Formen werden nun hin­ter­fragt.
Die Form um der Form willen ist vorbei. Ist es wirklich vorbei?

Ein Urteil des LG Augsburg (31 O 4554/14) lässt auf­hor­chen

  1. Der Rechtsanwalt ist gewohnheitsrechtlich verpflichtet, auch vor den Amtsgerichten in einer Robe aufzutreten
  2. Das Prozessgericht ist berechtigt, widrigenfalls die Verhandlung mit einem Rechtsanwalt ohne Robe abzulehnen, ohne seine Amtspflichten zu verletzen.

Das Gericht führt aus, gerade beim Amts­ge­richt sei es er­for­der­lich, Rechts­an­wäl­te durch die Robe als Organe der Rechts­pfle­ge kenntlich zu machen, dies zeige, dass die konkrete Person hinter den Dienst an Gesetz und Recht zu­rück­tritt. Das hört sich zumindest besser an als das, was der alte Fritz meinte, weshalb Anwälte Robe zu tragen haben: „Damit man die Spitz­bu­ben schon von weitem erkennt“.

Gegen dieses Image kämpfen wir an – mit oder ohne Robe, mit oder ohne Schlips …

Ihr Hartmut Roth

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