Wer auffährt, hat immer Schuld?

Trägt der Auf­fah­ren­de immer die Schuld, selbst wenn der Vor­der­mann ohne Grund bremst?

Es ist ein Klassiker unter den Ver­kehrs­rechts­my­then: Wer auf das vor­aus­fah­ren­de Fahrzeug auffährt, hat Schuld. Eine Vermutung, die zunächst ein­leuch­tend klingt. Schließ­lich muss der hinten Fahrende auf den Verkehr achten und ent­spre­chend reagieren, wenn der Vor­der­mann oder die Vor­der­frau auf die Bremse tritt. Tat­säch­lich ist es so, dass bei Auf­fahr­un­fäl­len die Schuld we­sent­lich häufiger beim Fahrer des auf­fah­ren­den Fahrzeugs liegt als beim „Ge­trof­fe­nen“ – zum Beispiel, weil der Fahrer den vor­ge­schrie­be­nen Si­cher­heits­ab­stand nicht einhält oder auf ein ab­bie­gen­des Fahrzeug auffährt, weil er nicht auf die Straße geachtet hat.

Der so­ge­nann­te An­scheins­be­weis spricht bei solchen Kol­li­sio­nen dafür, dass der Auf­fah­ren­de sich ver­kehrs­wid­rig verhalten hat, Das heißt aber nur, dass zunächst von einer Schuld des Auf­fah­ren­den aus­zu­ge­hen ist.

Diese Vermutung kann sich bei der Un­ter­su­chung des Unfalls durch ein Gericht aber als falsch her­aus­stel­len. Die Schuld an einem Unfall trägt derjenige, der gegen die Ver­kehrs­re­geln verstoßen und den Unfall ver­ur­sacht hat. Das kann durchaus auch der Vor­aus­fah­ren­de sein – zum Beispiel, wenn er völlig un­ver­mit­telt eine Voll­brem­sung macht und dadurch den Unfall auslöst.

Ein solches ge­fähr­li­ches Brems­ma­nö­ver muss gut begründet sein. Wer bei­spiels­wei­se für kleinere Tiere in die Eisen steigt, kann damit rechnen, bei einem daraus re­sul­tie­ren­den Unfall die Schuld ganz oder teilweise zu­ge­spro­chen zu bekommen.

Häufig stellt sich bei der Un­ter­su­chung eines Unfalls auch heraus, dass beide Ver­kehrs­teil­neh­mer Fehler gemacht haben. Etwa, wenn der Vor­aus­fah­ren­de un­ver­hält­nis­mä­ßig stark gebremst hat und der Hin­ter­mann gleich­zei­tig zu schnell unterwegs war.

Das Gericht kann in einem solchen Fall die Haf­tungs­quo­te auf die beiden Be­tei­lig­ten aufteilen, woraufhin ein Fahrer dann bei­spiels­wei­se 60 Prozent des Schadens trägt und der andere 40. Ge­le­gent­lich wird die Haftung bei einer Kollision auch geteilt, wenn sich die Schuld nicht eindeutig ermitteln lässt, zum Beispiel bei einem Unfall nach einem Fahr­bahn­wech­sel oder bei einer Mas­sen­ka­ram­bo­la­ge.

Es bleibt fest­zu­hal­ten: Die Annahme, dass der Auf­fah­ren­de bei einem Unfall immer die Schuld trägt, ist falsch. Wie so oft im Recht kommt es ganz auf den Ein­zel­fall an.

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